take back the night

Take back the night!
Unter dem Motto Take back the night werden wir am 30. April auf die Straße gehen. Wir nehmen uns in dieser Nacht im Privaten und in der Öffentlichkeit den Raum, der uns im Alltag durch die Angst vor sexualisierten Übergriffen und durch verbale und körperliche Anmachen verwehrt wird.
Wir wollen die Freiheit, uns zu jeder Zeit, an jedem Ort zu bewegen, ohne dabei auch nur widerlich angeglotzt zu werden!
Wir kämpfen für die Freiheit jedes einzelnen Menschen, das Geschlecht selbst zu wählen, sein Begehren frei zu leben und auszusehen wie er_sie will. Keinen Zwang zur Zweigeschlechtlichkeit, weg mit Heteronormativität und der Normierung von Körpern!

Kennst du das?
– Auf der Straße, im Verwandten- oder Bekanntenkreis bekommst du anzügliche Kommentare/Blicke wenn du körperbetonte oder kurze Kleidung trägst.

- Deine Kollegen auf der Arbeit reißen sexistische Witze.

- Auf einer Party greift dir jemand im Vorbeigehen an die Brust oder an den Hintern oder dein Gegenüber fasst dich immer wieder an, obwohl du ihn bereits weggeschoben hast.

- Dein Gegenüber geht davon aus, dass du mehr willst, nur weil du ihn geküsst hast und macht einfach weiter, ohne zu fragen oder darauf zu achten, wie du reagierst

- Verwandte, die dich beim Begrüßen oder Verabschieden ohne zu fragen auf Wange oder Mund küssen
Dein Partner „überredet“ dich heute doch mit ihm zu schlafen, auch wenn du offensichtlich keine Lust hast.

Aufgrund des sexistischen Normalzustands und der Tatsache, dass rund 99% der Täter Männer sind, verwenden wir bei Tätern ausschließlich die männliche Form. Damit wollen wir diejenigen, die betroffen von Gewalt durch Frauen sind (z.B. in lesbischen Beziehungen) nicht weniger wichtig nehmen und machen dies durch diese Anmerkung sichtbar.

Sexualisierte Gewalt beinhaltet sexistische Sprüche, Blicke und Anmachen die so alltäglich sind, dass sie oft gar nicht als Gewalt gesehen werden und “normal“ erscheinen oder sogar als Kompliment verstanden werden. Aber sexualisierte Gewalt beginnt dort wo wir in unserer Freiheit eingeschränkt werden – z.B. wenn wir bestimmtes Verhalten, Kleidung, Orte oder Situationen meiden, in der Hoffnung nicht belästigt zu werden.
Täter sind selten Fremde. Besonders bei sexueller Belästigung und Vergewaltigungen stammen sie zu 90% aus dem sozialen Umfeld der Betroffenen. Es sind z.B. Freunde, Bekannte, Partner und Ehemänner, Väter, Brüder, Kollegen…
Sexualisierte Gewalt wird zwar auch von Unbekannten in der Öffentlichkeit ausgeübt, doch das Bild vom „fremden Mann nachts im Park“ wird auch als Mittel verwendet, mit dem Frauen und Mädchen eingeschränkt und abhängig gemacht werden, da sie sich z.T. nur in Begleitung sicher fühlen können.

Wir wollen uns frei bewegen – immer und überall!
Es ist wichtig, sich auch in vermeintlich unbedeutenden Situationen zu wehren und keine blöden Sprüche, Anmachen oder Berührungen zuzulassen, die wir nicht wollen. Wahrscheinlich kennen wir aber auch alle die Ohnmacht, die uns in solchen Situationen überfällt und uns nicht handeln lässt. Deshalb ist es genau so wichtig, andere zu unterstützen, wenn wir das Gefühl haben, dass jemand ihre Grenzen überschreitet und sie nicht reagieren können weil sie überrascht, geschockt, schüchtern betrunken oder einfach überfordert sind.

„Nicht jetzt!“ – „Vielleicht später“ – „Ich bin nicht sicher“ – „Ich wäre jetzt lieber alleine“ – „Fass mich nicht an!“ – „Ich mag dich wirklich, aber…“ – „Lass uns einfach schlafen“ – „Du bist / ich bin betrunken“ – zögern, unsicher sein, nichts machen – all das heißt NEIN!!! Nur JA heißt JA!
Das Motiv für sexualisierte Gewalt ist nicht „triebhafte“ Sexualität, sondern Macht. Sexualität wird funktionalisiert, um Frauen und Mädchen zu unterdrücken und zu demütigen, mit dem Ziel sich selbst als mächtig zu erleben.

„Mein kurzer Rock geht dich ‚n Scheiß an!“
Im April 2011 gab es in Kanada den ersten Slutwalk. Anlass dafür war die Aussage eines Polizisten: „Frauen sollten sich nicht wie Schlampen kleiden, um nicht Opfer von sexualisierten Übergriffen zu werden.“ („women should avoid dressing like sluts in order not to be victimized.“). Der Protestwelle schlossen sich tausende Menschen auf der ganzen Welt an. Sie demonstrierten oft ganz bewusst in aufreizender Kleidung gegen Vergewaltigungsmythen, die Verharmlosung von sexualisierte Gewalt und Sexismus. Denn es ist totaler Quatsch anzunehmen, dass sich Frauen gegen sexuelle Belästigung schützen könnten, indem sie sich unauffällig kleiden! Selbst wenn wir es könnten: Die Verantwortung, sexualisierte Übergriffe zu verhindern liegt nicht bei uns. Wir fordern, dass Männer sich kritisch mit patriarchalen Strukturen auseinandersetzten und dass sie sexualisierte Gewalt von ihrer Seite aus verhindern.
Wir haben es satt, in einem System zu leben, das sexualisierte Übergriffe und Belästigungen verharmlost, legitimiert und den Betroffenen die Schuld gibt!

Chaos statt Geschlechterordnung!
Nicht nur verbale und körperliche Übergriffe sind Gewalt. Eine Gesellschaft, die Menschen zwingt Frau oder Mann zu sein und die nicht-heterosexuelle Lebensweisen abwertet, ist gewalttätig.

Mit Trans*- bzw. Homophobie ist die nicht anerkennende oder ablehnende Haltung gegenüber lesbischen, bisexuellen, schwulen Personen bzw. Trans*menschen gemeint. Mit Trans*- bzw. Homofeindlichkeit meinen wir diskriminierendes, verbal und körperlich gewalttätiges Verhalten ihnen gegenüber. Wir wehren uns gegen jede Form von Homo- und Trans*feindlichkeit! Wir finden es zum Kotzen, dass ständig das Gefühl vermittelt wird „anders“ zu sein; dass abwertende Blicke, blöde Sprüche, körperliche Gewalt oder rechtliche Diskriminierung und die Willkür von Behörden an der Tagesordnung sind.

Lesbisch, bi oder schwul lebende Menschen werden oft, wenn sie ihr Begehren offen leben, gewaltvollen Erfahrungen ausgesetzt. Nicht heterosexuelle Lebensweisen werden begleitet von lebenslang wiederkehrenden „Coming-Outs“. Wäre es nicht schön, wenn es keine „Coming-Outs“ mehr gäbe, sondern alle Lebenskonzepte gleichwertig wären und LesBiSchwule sowie Trans*- und Inter*personen nicht mehr als „anders“ betrachtet würden?

Eine Studie ergab, dass 78% aller befragten Trans*personen bereits Übergriffe im öffentlichen Raum erlebt haben. Doch nicht nur dort erfahren Trans*personen Gewalt, sondern auch, wenn sie von staatlicher Seite in ihrem Wunschgeschlecht offiziell anerkannt werden wollen und dafür eine Änderung des Personenstands anstreben: Psychologische Begutachtungen, in denen intimste Details erfragt werden, Gutachterinnen und Gutachter, die nach persönlichem Gutdünken entscheiden ob das Gegenüber ihren Vorstellungen von weiblich oder männlich entspricht.
Dem setzen wir entgegen: Jeder Person ihr Recht auf Selbstdefinition und körperliche Unversehrtheit!

Aber nicht nur Menschen die außerhalb der Zweigeschlechternorm leben werden dem Normierungszwang unterworfen. Auch die Vorstellungen davon, wie „Männer“ und „Frauen“ auszusehen haben, bieten nur wenig Raum für Selbstdefinition.

„Mein Körper gehört mir!“
In Werbung und Medien wird uns ein künstliches Bild weiblicher Schönheit vorgesetzt, was es anzustreben gilt. Das gesellschaftlich konstruierte Ideal des Frauenkörpers gleicht dem einer Puppe: schlanke, straffe, enthaarte Körper und gebräunte, glatte Haut. Dabei werden von Frauen zur Perfektion ihrer Erscheinung extreme Maßnahmen verlangt: von figurbetonter Kleidung über vermeintliche Selbstverschönerung durch Schönheitsoperationen bis hin zu mörderischen Diäten. Immer mehr wird das Idealbild der weiblichen Schönheit von übertrieben sexueller und erotischer Ausstrahlung definiert. Frauen müssen sexuell anziehend wirken und sollen das auch so wollen. Diese Verknüpfung von Weiblichkeit und Erotik wird in Werbung und Medien vorgegeben. Schlanke, vollbusige und zeigefreudige Frauen sollen als Vorbild für die moderne Frau dienen.
Aber diese sexualisierte Kultur ist kein Zeichen für die Befreiung der Frau oder für weibliches Selbstvertrauen!
Wir haben sexistisch-pornografische Darstellungen von Frauen in der Öffentlichkeit satt! Es ist uns herzlich egal, wie die Gesellschaft unsere Körper will! Wir wollen aussehen, wie wir wollen, ohne dabei Kommentaren, Blicken oder sonst einer Scheiße ausgesetzt zu sein!!

Uns ist bewusst,dass wir in diesem Aufruf die Schubladen von „Frauen“ und „Männern“ nicht auflösen, sondern benutzen. Doch so lange das Patriarchat als Herrschaftsform existiert, können wir nicht darauf verzichten, Kategorien zu benutzen, die verdeutlichen, dass mit diesen Schubladen Herrschaftsverhältnisse beschrieben werden, deren Abschaffung unser eigentliches Ziel ist.

Immer noch Patriarchat, immer noch dieselbe Scheiße!
101 Jahre Frauenkampftag: Viel gekämpft, viel erreicht und trotzdem leben wir nach wie vor in einem beschissenen Patriarchat, das heißt in einem gesellschaftlichen System, das den Geschlechtern unterschiedliche Rollen, Werte und Machtpositionen zuweist. In einem System der Dominanz von Männern über Frauen. In einem System, das vielfältige Sexualitätsentwürfe und mehr Geschlechter als „Frau“ und „Mann“ nicht zulässt. In diesem Patriarchat und diesem Kapitalismus gelten weitgehend unterschiedliche Arbeits- und Lebensbereiche: Frauen sind überwiegend für das Private, Männer für die Vollzeit-Erwerbsarbeit zuständig. Frauen wird weniger Lohn gezahlt, sie erledigen unbezahlt Hausarbeit, Kindererziehung, Alten- und Krankenpflege. Dadurch verfügen vor allem Männer über wirtschaftliches Kapital, die politische und militärische Macht. Und natürlich ist klar, welche Arbeit mehr wert ist…
Feuer und Flamme dem Patriarchat! Kampf dem Sexismus im Alltag, bei der Arbeit und im Staat!

Wider der „Bürde des weißen Mannes“
Mit dem Label „Frauenrechte“ wird viel Unfug getrieben. So wird z.B. der Krieg in Afghanistan mit der „Befreiung der afghanischen Frau“ gerechtfertigt. Das hat nichts, aber auch gar nichts mit unserem Verständnis von Feminismus zu tun. Abgesehen davon, dass sich die Situation der Frauen in Afghanistan nach eigenen Aussagen seit der Besatzung durch die „westlichen“ Armeen verschlechtert hat, steht hinter dem Krieg und der Besatzung vor allem die Idee, Transport- und Handelswege von Rohstoffen zu sichern. Die Ausbeutung Afghanistans zu Gunsten des „westlichen“ Wohlstands soll dadurch gewährleistet werden. Wir haben keinen Bock, uns vor den Karren neokolonialer Interessen spannen zu lassen! Wir sind der Meinung, dass sich die FrauenLesbenInterTrans* in aller Welt nur selbst befreien können – wir halten nichts von der „Bürde des weißen Mannes“, einer Argumentation, die schon im Kolonialismus „Frauenrechte“ als Rechtfertigung kolonialer Herrschaft angeführt hat. Hingegen solidarisieren wir uns mit Kämpfen von FrauenLesbenInterTrans* weltweit.
Für uns ist nicht alles erreicht, wenn wir ein paar mehr Rechte für uns (dass heißt vor allem für weiße, aus der mittleren Klasse kommenden  FrauenLesbenTrans) erkämpft haben. Wir wollen nicht ein Stück vom Kuchen, sondern die ganze Bäckerei – und zwar für alle! Sexismus ist dabei nicht das einzige Herrschaftsverhältnis, gegen das wir kämpfen – denn das Patriarchat geht Hand in Hand mit Kapitalismus und Rassismus – und alle diese Herrschaftsverhältnisse müssen überwunden werden, wenn wir jemals in einer emanzipatorischen Gesellschaft leben wollen.

Wir sind FrauenLesbenInterTrans*, die sich ihr selbstbestimmtes Leben erkämpfen, wo es uns verwehrt wird. Und auch wenn die Umstände, mit denen wir jeden Tag zu kämpfen haben, äußerst widrig sind: wir sind stark, wir sind zornig und lassen uns nicht unterkriegen!

30. April | 20 Uhr | Alhambra (Oldenburg)