„akzeptierende Jugendarbeit“ – Ein kritikwürdiger Vortrag an der Uni Oldenburg

Am Dienstag, den 29.05. fand die erste Veranstaltung der Reihe „Rechtsextremismus heute“ in der Oldenburger Uni statt. Der Sozialarbeiter Dennis Rosenbaum referierte über das Thema: „Wie versuchen Akteure und Organisationen rechtsextremer Szenezusammenhänge für Jugendliche attraktiv zu sein, inwiefern gelingt ihnen das, und weshalb?“. Der Referent ist Mitarbeiter des VAJA Bremen e.V., dem „Verein zur Förderung der akzeptierenden Jugendarbeit“. Ein Großteil der Arbeit des VAJA findet mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund statt, aber auch sogenannte „rechte Jugendliche“ sind eine Zielgruppe.

Konzeptuelle Grundlagen

Grundlegend möchte das Konzept der akzeptierende Jugendarbeit die Jugendlichen „so akzeptieren wie sie sind“. Das heißt es wird keine Kritik an derzeitigen Überzeugungen oder Handlungen geübt werden. So soll eine Vertrauensbasis entstehen, die es den Jugendlichen ermöglichen soll, mehr Handlungsmöglichkeiten vermittelt zu bekommen und zu nutzen. Auf diesem Weg sollen sie „fit“ für das „normale“ Leben, außerhalb ihres derzeitigen negativ behafteten Umfelds gemacht werden. Zunächst einmal ein interessanter Ansatz – könnte man meinen.

Bei näherer Betrachtung hingegen fällt auf, dass dieses Konzept, übertragen auf sogenannte „rechte Jugendliche“ nicht unproblematisch ist.
Es wird in dem Konzept davon ausgegangen, dass Jugendliche, die sich in die Naziszene begeben, auf der Suche sind nach Spaß, Action und Akzeptanz innerhalb einer Gruppe. Aus diesen Gründen sei die rechte Szene interessant, führe der Referent aus. Jegliche politische Ideologie wird in der akzeptierenden Jugendarbeit ausgeblendet. Die rassistische Einstellung der Jugendlichen wird nicht problematisiert. Auch die Tatsache, dass es eine Überschneidung zwischen dem sogenannten „Rassismus der Mitte“ und der Naziideologie gibt, dass diese sogar aus der Mitte der Gesellschaft entsteht, wird verneint. Gesellschaftliche Umstände werden im Konzept der akzeptierenden Jugendarbeit schlichtweg ignoriert. Statt dessen werden die „rechten Jugendlichen“ als „Verführte der Nazis“ dargestellt. Dass es eine bewusste Entscheidung ist, Nazi zu werden, sich zu Rassismus, Führertum und Antisemitismus zu bekennen, wird geleugnet. Nicht jede_r Jugendliche, die_der auf der Suche nach „Action“ und Anerkennung ist, ist gezwungen, Nazi zu werden. Dies ist immer noch eine bewusste Entscheidung. Dies auszublenden, ist ein fataler Fehler.

Zur Veranstaltung

Die im Konzept angesprochene Entpolitisierung der Naziszene war auch der Tenor der Veranstaltung von Herrn Rosenbaum. Die Neonaziszene sei interessant wegen der Demonstrationen, der konspirativ organisierten Aktionen und dem Zusammenhalt innerhalb der Gruppe.
Eine weitere „Analyse“ von Herren Rosenbaum besagte: Nazi wird, wer Probleme mit seinem Vater hatte oder diesen nie kennen lernte. Auf Nachfrage konnte er auch nur erklären, dass er sich dies aus seiner Berufserfahrung zusammengereimt hat. Wissenschaftlich ist dies nicht belegt.
Besonders unglaubwürdig machte sich der Referent mit der Aussage, dass Jugendliche, die er betreue, „zufällig in der Nähe eines Kategorie C-Konzertes“ waren. Kategorie C gilt als Kultband für Neonazis und Hooligans. Die Konzerte werden konspirativ organisiert, nur Eingeweihte wissen von ihnen. Besagte Jugendliche seien allerdings nur zufällig dort gewesen, weil sie anderen Konzertbesucher_innen hinterhergelaufen seien. Wie Naiv kann mensch denn sein? Herr Rosenbaum arbeitet mit neonazistischen Jugendlichen, die gern Kategorie C hören. Es gibt ein Konzert dieser Rechtsrockband. Diese Jugendlichen sind dort, aber sollen angeblich zufällig dort gelandet sein. Dies offenbar eine unglaubliche Naivität, der Sozialarbeiter gab sich offenbar alle Mühe, nicht wahrhaben zu wollen, dass die Nazis die er betreut, Nazis sind.
Auf die Nachfrage, was eine „rechte“ und eine „linke“ Szene unterscheiden würde, konnte er keine klare Antwort geben. Logisch, wenn die Neonazis zuvor entpolitisiert werden.
Obendrein kam noch hinzu, dass das Fernsehteam vom Lokalsender „Oeins“ einen Großteil der Veranstaltung abfilmte. Obwohl im Vorhinein gefragt wurde, ob jemand nicht gefilmt werden wollte, wurde auch auf diese Personen die Kamera gehalten. Fragende bekamen dann noch die besondere Aufmerksamkeit der Kamera. Dieses in einer Situation tun, in der eine Bedrohungslage durch lokale Neonazis potentiell existiert, sorgt zwangsläufig für eine gehemmte bzw. nicht stattfindende Diskussion.

Fazit

Insgesamt lässt sich also ein kritisches Fazit dieser Veranstaltung ziehen. Das pädagogische Konzept, mit Nazis „akzeptierende Jugendarbeit“ machen zu wollen, hat sich praktisch nie bewährt, sondern sorgte im Gegenteil meist für eine Stärkung der lokalen Neonaziszene und ihrer Strukturen. Im niedersächsischen Tostedt wurde beispielsweise jahrelang akzeptierende Jugendarbeit mit jungen Neonazis betrieben, was zur Folge hatte, dass der dortige Jugendtreff für die Neonazis als Treffpunkt und infrastrukturellles Zentrum genutzt werden konnte und sich die Szene über Jahre festigen konnte. Für nicht-rechte Jugendliche war das Jugendzentrum praktisch nicht mehr betretbar. Heute gehört Tostedt zu den Schwerpunktgebieten neonazistischer Aktivitäten in Niedersachsen.

Die gesellschaftlichen Umstände, die die Grundlage für neonazistische Denkmuster sind, werden im Konzept der akzeptierenden Jugendarbeit ignoriert und ausgeblendet, die Naziszene entpolitisiert und somit verharmlost.
Der Referent hatte offensichtlich kaum Kenntnisse über die Naziszene und ihre Gepflogenheiten.
Eine Umgebung, die das Diskutieren nur unter der Prämisse des Gefilmt-werdens ermöglichte, tat ihr übriges.

Eine kritikwürdige Veranstaltung.

weiterführende Literatur:
Norddeutsche Antifagruppen (Hrsg.): Rosen auf den Weg gestreut… Kritik an der akzeptierenden Jugendarbeit mit rechten Jugendcliquen
erhältlich in gut geführten Infoläden

Sebastian Fischer: Rechtsextremismus bei Jugendlichen. BIS-Verlag, Oldenburg 2006


1 Antwort auf „„akzeptierende Jugendarbeit“ – Ein kritikwürdiger Vortrag an der Uni Oldenburg“


  1. 1 Dipl. Päd. Christian Pfeil 04. Juli 2012 um 20:36 Uhr

    Stellungnahme zu der Kritik der Antifa Oldenburg an der Veranstaltung vom 29.05.2012:
    „Wie versuchen Akteure und Organisationen rechtsextremer Szenezusammenhänge für Jugendliche attraktiv zu sein, inwiefern gelingt ihnen das, und weshalb? im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Rechtsextremismus heute“ der Cv.O.- Universität.

    Mit einiger Irritation haben wir die durch die Oldenburger Antifa geäußerte Kritik zu der oben genannten Veranstaltung zur Kenntnis genommen.
    Zuerst soll an dieser Stelle festgestellt werden, dass es sich bei dem genannten Vortrag NICHT um eine Darstellung der akzeptierenden Jugendarbeit gehandelt hat, sondern vielmehr die Mittel und Wege, mit denen Akteure der extremen Rechten versuchen, junge Menschen für sich zu gewinnen, in kritischer Perspektive dargestellt und analysiert wurden. Der Referent ist uns aus der praktischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Themenfeld Rechtsextremismus seit Jahren bekannt – eine in der Antifa-Stellungnahme unterstellte „Unkenntnis über das Funktionieren der rechten Szene“ seitens des Referenten erscheint uns einigermaßen absurd.
    Natürlich kann und muss auch der pädagogische Ansatz der akzeptierenden Jugendarbeit einer kritischen Betrachtung unterzogen werden, allerdings sollte dann dies auch zum Thema gemacht werden und dafür Zeit zur Verfügung stehen. Die geäußerte Kritik wurde zudem anonym vorgetragen und lässt aus unserer Sicht damit ein wesentliches Merkmal von seriös und konstruktiv angedachter Dialogbereitschaft vermissen. Dies wären die Mindestvoraussetzungen, um eine Auseinandersetzung zu führen, bei der auch fachliches Wissen eingebracht werden kann. Eine Diskussion so nebenbei erscheint uns wenig sinnvoll, gerade auch deshalb, weil unserem Eindruck nach nicht alles, was unter dem Label der akzeptierenden Jugendarbeit firmiert, tatsächlich auch den Ansprüchen rassismuskritischer Professionalität genügt. Unser Referent hätte übrigens gerade hierzu auch einiges ‚sagen‘ können, wenn wir ihn gefragt hätten, dies also Thema gewesen wäre.

    Mit der Bitte um Veröffentlichung.

    Oldenburg, 27. Juni 2012

    Prof. Dr. Rudolf Leiprecht
    Dipl.Päd. Christian Pfeil


    Anmerkung:
    Da der Referent ein Protagonist der akzeptierenden Jugendarbeit ist, kann man diesen Hintergrund nicht ignorieren. Auch wenn dies nicht im Fokus der Veranstaltung stand, lässt sich dieser Fakt jedoch nicht ignorieren. Der Referent wurde eingeladen, weil er in seiner täglichen Arbeit mit rechten Jugendlichen als „Experte“ angesehen wurde. Vor diesem Hintergrund der alltäglichen Arbeitspraxis des Referenten, die sich aus den Grundsätzen der akzeptierende Jugendarbeit ergibt, baut sich auch seine Argumentation auf. Der Referent muss logischerweise aus diesem Hintergrund argumentieren. Und diese Grundannahmen finden wir kritikwürdig. Dies haben wir in unserem Artikel versucht, deutlich zu machen.

    Über Ihre Zusammenarbeit können wir nur wenig sagen, allerdings konnte die Unkenntnis des Referenten über die Neonaziszene immer wieder erkannt werden. Die vom Referenten vorgestellten Ereignisse lagen größtenteils schon mehrere Jahre zurück. Ein Beispiel, das uns besonders im Gedächtnis blieb, war die Ratlosigkeit des Referenten auf die Frage nach der Band „Rammstein“ und einem eventuellen neonazistischen Hintergrund. Auch die Naivität im Umgang mit rechten Jugendlichen impliziert eine Unkenntnis mit der Szene und der Gefahr, die so ein Umgang mit sich bringt.

    Unerwünschte Kritik wird immer wieder mit dem Argument, dass sie anonym abgegeben sei, abgeblockt. Die inhaltliche Ebene wird also verlassen und es wird sich auf formale Umstände berufen. Dass die Umgebung während der Veranstaltung nicht in unserem Interesse war, haben wir dargestellt. Die Dialogbereitschaft haben wir gezeigt, in dem wir die Stellungnahme per Mail an alle Protagonist_innen der Veranstaltung geschickt haben. Ein Dialog ist auch per Mail möglich.

    Angesichts der potentiellen Bedrohung durch eine militante Neonaziszene, die versucht, persönliche Daten über Antifaschist_innen zu sammeln, um diese einzuschüchtern und zu bedrohen, ist unser Wunsch nach Anonymität in unseren Augen als legitimer Selbstschutz zu betrachten. Gern führen wir die Diskussion aber per E-Mail oder in einem angemessenen Rahmen weiter.
    Oldenburg Nazifrei

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