Stadtratssitzung, die 2te – Ein Rückblick

Die zweite Stadtratssitzung liegt hinter uns und wir möchten uns bei allen Protestierenden herzlich bedanken. Wir waren von dem Umfang und der Art der Proteste begeistert, die sich gegen den NPD-Ratsherren Ulrich Eigenfeld, die NPD, Nazis im Allgemeinen und das rassistische Gutscheinsystem der Stadt Oldenburg richtete. Wir freuen uns schon auf das kommende Jahr und die folgenden Stadtratssitzungen.

Unsere Freund_Innen von regentied haben einen ausgezeichneten Bericht zur Stadtratssitzung am 19.12.2011 verfasst, dem wir uns gerne an dieser Stelle anschließen möchten:

»Di­rekt nach­dem es die NPD mit lä­cher­li­chen 1,14% ge­schafft hatte, mit einem Man­dat in den Ol­den­bur­ger Stadt­rat ein­zu­zie­hen, hat­ten an­ti­fa­schis­ti­sche Grup­pen eine am­bi­tio­nier­te Lo­sung aus­ge­ge­ben: »Jetzt ist es an uns allen Ul­rich Ei­gen­feld und der NPD die 5 Jahre im Rat zur Hölle zu ma­chen. 5 Jahre in denen es keine ru­hi­ge Rats­sit­zung mit der NPD geben darf. 5 Jahre die NPD-​Na­zis auf Schritt und Tritt zu be­ob­ach­ten. 5 Jahre lus­ti­ge Spiel­chen um ihnen die Suppe zu ver­sal­zen«. Und bis­her hal­ten die An­ti­fa­schis­tIn­nen Wort. Nach­dem schon bei der kon­sti­tu­ie­ren­den Sit­zung des Rates am 1. No­vem­ber in der We­ser-​Ems-​Hal­le etwa 250 Men­schen mit Trans­pa­ren­ten, Pfif­fen, Pa­ro­len und etwas Spei­chel mas­siv gegen den brau­nen Rats­herrn Ei­gen­feld de­mons­trier­ten [Info], wurde bei der 2. Sit­zung am ver­gan­ge­nen Mon­tag im Kul­tur­zen­trum PFL noch eine Schip­pe drauf­ge­legt. Schon am Mor­gen der Sit­zung stieß NPD-​Mann Ei­gen­feld auf un­er­war­te­te Hin­der­nis­se: An­ti­fa­schis­tIn­nen hat­ten in der Nacht kur­zer­hand seine Woh­nungs­tür zu­ge­mau­ert und mit dem Hin­weis »Haus­ar­rest für Nazis« ver­se­hen. Doch diese sym­pha­ti­sche Ak­ti­on war nicht das ein­zi­ge Pro­blem, auf das der brau­ne Het­zer an die­sem Tag stos­sen soll­te. Eine Stun­de vor Be­ginn der Rats­sit­zung ver­sam­mel­ten sich über 100 An­ti­fa­schis­tIn­nen vor dem PFL und mach­ten es sich schließ­lich mit di­ver­sen Trans­pa­ren­ten auf der Be­su­che­rIn­nen­em­po­re be­quem.


Ei­gen­feld sel­ber war den Pro­tes­ten mal wie­der aus dem Weg ge­gan­gen, indem er sich schon über Stun­den im PFL ver­steckt hielt und dann heim­lich in den Ple­nar­saal husch­te. Die An­ti­fa­schis­tIn­nen ver­harr­ten nun stun­den­lang ge­dul­dig auf den Em­po­re und lie­ßen eine ziem­lich dröge Rats­sit­zun­gen über sich ent­ge­hen. Ab­ge­se­hen na­tür­lich von der Wort­mel­dung wäh­rend der Bür­ge­rIn­nen­fra­ge­stun­de zur Ab­schaf­fung des ras­sis­ti­schen Gut­schein­sys­tems [Info].
Nach gut drei­stün­di­gem Sit­zungs­ver­lauf kam es dann zu dem Ta­ges­ord­nungs­punkt: »Ver­ur­tei­lung des neo­na­zis­ti­schen Ter­rors und der Schän­dung des jü­di­schen Fried­hofs in Ol­den­burg«, einem Re­so­lu­ti­ons­ent­wurf der Links­par­tei. In einer sehr fun­dier­ten Rede be­grün­de­te Chris­to­pher Ho­ep­ken (Grup­pe Die Linke/Pi­ra­ten) den Re­so­lu­ti­ons­ent­wurf. »In Ol­den­burg haben wir be­son­de­ren Grund, uns mit der Ge­fahr von rechts zu be­fas­sen«, da im Land Ol­den­burg die NSDAP schon 1932 die ab­so­lu­te Mehr­heit er­rei­chen konn­te. Eben­so ver­wies er auf die Schän­dung des jü­di­schen Fried­hofs, wel­che mut­maß­lich durch meh­re­re NPD-​Mit­glie­der be­gan­gen wurde [Info]. Der Ein­zug der NPD in den Stadt­rat, sei »eine klaf­fen­de Wunde im de­mo­kra­ti­schen Grund­kon­sens. Das darf nie­mals als Nor­ma­li­tät be­grif­fen wer­den«, so Ho­ep­ken wei­ter. Der SPD-​Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de Bernd Bi­sch­off schloss sich in einer sehr en­er­gi­schen Rede der Re­so­lu­ti­on der Links­par­tei an. Er ver­las die Namen der zehn NSU-​Mordop­fer und stell­te unter dem Bei­fall des Rates fest: »Fa­schis­mus ist keine Mei­nung. Fa­schis­mus ist ein Ver­bre­chen. (…) Kein Fuß­breit für die Rechts­ex­tre­men, auch nicht in Ol­den­burg«. Auch die Grü­nen und die Grup­pe CDU/FW-​BFO schlos­sen sich mit Bei­trä­gen die­ser Auf­fas­sung an. Als um 20.​53 Uhr ein fünf­ter Re­de­bei­trag er­fol­gen soll­te, bra­chen im Saal Tu­mul­te aus. Der NPD`ler Ei­gen­feld war ans Red­ne­rIn­nen­pult ge­tre­ten, wor­auf­hin die kom­plet­te SPD-​Frak­ti­on sowie die Hälf­te der Grü­nen-​ und Lin­ke-​Frak­tio­nen de­mons­tra­tiv den Saal ver­lie­ßen. Von den Be­su­che­rIn­nen­rän­gen flo­gen Pa­pier­knäu­el und Ähn­li­ches, lau­tes Ge­pfei­fe und »Nazis raus!«-​Sprech­chö­re un­ter­ban­den die erste Wort­mel­dung eines Fa­schis­ten im Ol­den­bur­ger Stadt­rat seit über 50 Jah­ren.

Der Rats­vor­sit­zen­de Bern­hard »die wol­len es ja nicht an­ders« Ell­berg (SPD) un­ter­brach dar­auf­hin die Sit­zung und rief die ei­gens aus Han­no­ver ge­or­der­te Prü­gel­po­li­zei-​Ein­heit vom BFE, um die An­ti­fa­schis­tIn­nen aus dem Saal zu ent­fer­nen. Diese räum­ten dann nicht nur die Tri­bü­ne, son­dern gleich das ganze Ge­bäu­de. Etwa 20 Men­schen er­lit­ten dabei Zer­run­gen durch so­ge­nann­te Schmerz­grif­fe, sowie Prel­lun­gen und eine Platz­wun­de durch Schlä­ge und Trit­te.

Die eif­ri­gen Po­li­zis­tIn­nen mach­ten dabei auch kei­nen Halt vor Mit­glie­dern des Stadt­ra­tes, so dass Jo­nas-​Chris­to­pher Höp­ken (Linke), Jan-​Mar­tin Meyer (Pi­ra­ten) und Bür­ger­meis­te­rin Su­san­ne Menge (Grüne) eben­falls vor die Tür ge­setzt wur­den. An­schlie­ßend po­sier­ten die schwarz-​uni­for­mier­ten und ge­pan­zer­ten Po­li­zis­tIn­nen in Reih und Glied im Foyer des PFL und waren damit wohl sowas wie ein Sinn­bild für die »de­mo­kra­ti­schen Ver­hält­nis­se« an die­sem Abend. »Mit Pro­tes­ten haben wir ge­rech­net und die wird es auch in Zu­kunft geben. Aber die Räu­mung des Saals hat es so noch nicht ge­ge­ben«, sagte an­schlie­ßend Stadt-​Pres­se­spre­cher Dr. An­dre­as van Hoo­ven.
Nach etwa einer hal­ben Stun­de wurde die Rats­sit­zung fort­ge­setzt und Ei­gen­feld konn­te nun seine Rede un­ge­stört hal­ten, wäh­rend die al­ler­meis­ten SPD-, Lin­ke-​ und Grü­ne-​Ab­ge­ord­ne­tIn­nen den Saal er­neut ver­lie­ßen. Und wäh­rend der Ol­den­bur­ger Lo­kal­teil eine wohl tref­fen­de Kurz­zu­sam­men­fas­sung von Ei­gen­felds Bei­trag ver­öf­fent­lich­te (»HEY! HEY DA BLUT­ZEN! ME DA! HALS DER SCHTEFF! Als der Stink einer Stun­ken, ein Stun­ken mit der Eu­ro­pe, ein Stun­ken mit der Höll!!! Höi, Sie da Hull da Glotz­as mit seine Tome­nia!«), war sich die NWZ in Ge­stalt von Micha­el Exner nicht zu scha­de, den Aus­füh­run­gen eines Fa­schis­ten ein Po­di­um zu bie­ten. Der Rat be­schloss dann die Re­so­lu­ti­on – gegen die Stim­me Ei­gen­felds. »Das Er­geb­nis nach den tur­bu­len­ten Sze­nen spricht dann eine eben­so ein­deu­ti­ge wie po­si­ti­ve Spra­che: Bei nur einer Nein-​Stim­me nahm der Rat die Re­so­lu­ti­on an. Hier­in wird „mit tiefs­ter Em­pö­rung die men­schen­ver­ach­ten­den Ver­bre­chen der Grup­pe ,Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­scher Un­ter­grund‘“ ver­ur­teilt. Die Schän­dung des jü­di­schen Fried­hofs „er­füllt den Stadt­rat mit Ab­scheu“, heißt es wei­ter. Der Rat for­dert mit der ver­ab­schie­de­ten Re­so­lu­ti­on die In­iti­ie­rung eines neuen NPD-​Ver­bots­ver­fah­ren. Dafür müss­ten die V-​Leu­te in­ner­halb der Par­tei ab­ge­zo­gen wer­den. Voll­stän­di­ge und vor­be­halt­lo­se Auf­klä­rung sowie ver­stärk­te po­li­ti­sche Auf­klä­rungs­ar­beit und län­der­über­grei­fen­de Zu­sam­men­ar­beit beim Kampf gegen Neo­na­zis­mus, An­ti­se­mi­tis­mus und Ras­sis­mus sind wei­te­re For­de­run­gen der Re­so­lu­ti­on«, schrieb dazu der Hunte Re­port. Im wei­te­ren Ver­lauf der Rats­sit­zung ging es dann u.a. um die Ein­rich­tung eines In­te­gra­ti­ons­aus­schus­ses, dem Ei­gen­feld eben­falls als Ein­zi­ger des Rates nicht zu­stimm­te. Bei die­sem Punkt sorg­te üb­ri­gens ein Rats­mit­glied mit dem Aus­spruch »Mau­ern gegen Dis­kri­mi­nie­ren­de kann man auch mal ste­hen­las­sen« für den Schmunz­ler des Abends.
Als klei­nes Fazit kann wohl pro­gnos­ti­ziert wer­den, dass die Ol­den­bur­ger An­ti­fa­schis­tIn­nen (zu­min­dest bis zu einem Ver­bot der NPD) den Ab­lauf der kom­men­den Rats­sit­zun­gen or­dent­lich durch­ein­an­der­wir­beln wer­den. »Die Pro­tes­te waren vor­pro­gram­miert. Und ehr­lich ge­sagt, in­halt­lich kann ich das tei­len. Über die Form kann man si­cher ge­teil­ter Mei­nung sein«, stell­te SPD-​Rats­herr Jür­gen Krog­mann fest – dar­aus soll­ten die Rats­po­li­ti­ke­rIn­nen nun ihre ei­ge­nen Schlüs­se zie­hen. Das Ver­hal­ten Vie­ler der SPD, der Links­par­tei und der Grü­nen, bei Wort­mel­dun­gen des Fa­schis­ten den Saal zu ver­las­sen, wei­sen viel­leicht in die rich­ti­ge Rich­tung und könn­te vor­bild­haft für alle Rats­mit­glie­der sein. Ein »Aus­sit­zen und Igno­rie­ren« ist es nicht.«

☞ »Tu­mul­te bei Rats­sit­zung in Ol­den­burg« NWZ 20.​12.​2011
☞ »Po­li­zei lässt Rats­saal räu­men« Weser Ku­rier 20.​12.​2011
☞ »Pro­test gegen NPD-​Ab­ge­ord­ne­ten« Radio Bre­men 20.​12.​2011
☞ »Stadt­rat: Po­li­zei räumt Saal« Hun­te­sicht 20.​12.​2011
☞ »Rat gegen Nazis« Hun­te­re­port 20.​12.​2011
☞ »Re­so­lu­ti­on mit Si­gnal und Eklat« NWZ 21.​12.​2011
☞ »Kom­men­tar: Ruhig Blut be­wah­ren« NWZ 21.​12.​2011


6 Antworten auf „Stadtratssitzung, die 2te – Ein Rückblick“


  1. 1 Merle 22. Dezember 2011 um 16:02 Uhr

    Das war dieses Mal wieder ne richtig klasse Aktion. :)
    Wir sehen uns alle nächstes Mal ;)
    Auf das wir es wieder schaffen ihn zu stören ;D

  2. 2 Jack Sparrow 24. Dezember 2011 um 1:00 Uhr

    Ich fand die Störungsaktion klasse! Aber wenn ich das Grinsen von dem NPD-Idioten sehe bekomme ich das große Kotzen! Hoffentlich vergeht dem bald sein Grinsen!

  3. 3 tom 24. Dezember 2011 um 9:38 Uhr

    @Jack das glaube ich nicht der freut sich doch wen da so fiel ärger ist der ist ein alt Nazi ich glaube nicht das mann den klein bekommt er will doch das die Press so viel Werbung macht und wir stehen ja nicht gut da in der Presse

  4. 4 Jack Sparrow 24. Dezember 2011 um 15:22 Uhr

    Tom, ich finde das zur Zeit ziemlich viel gute Presse läuft. Vor allem im Bezug auf den Mauerbau bei dem Typen! Das wurde doch bundesweit positiv aufgenommen und was die letzte Ratssitzung angeht kam doch, meiner Meinung nach, mehr positive Presse als negative!

  5. 5 tom 25. Dezember 2011 um 10:04 Uhr

    Jack das sehe ich anders aber egal das mit der Mauer war eine Super Sache das muss mann ja sagen man muss das übel an der wurzel packen

    Macht weiter so

  6. 6 tom 31. Dezember 2011 um 17:49 Uhr

    Wünsche euch allen einen schönen Abend und kommt gut ins neue Jahr!

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